Ein Haus von Vorrang

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Entdeckt habe ich dieses Gebäude-Ensemble in Franzen, einem kleinen Ort mit etwa 130 EinwohnerInnen am Rande des Truppenübungsplatzes Allentsteig, der dem österreichischen Bundesherr untersteht. Bemerkenswert an der Geschichte dieses Straßendorfs inmitten des Waldviertels ist, dass sich die Bevölkerung im nationalsozialistischen Jahr 1938 gegen die Aussiedelung wehrte, damit erfolgreich war und somit seinen Fortbestand sicherte. Dieser Bau, der mein Interesse geweckt hat, war früher ein Wirtshaus mit angeschlossener Bäckerei. Beides ist im Zentrum von Franzen zu finden und heute in Privatbesitz. Das große Haus wirkt auf den ersten Blick recht unscheinbar, in die Jahre gekommen und zeugt in seiner heutigen Gestalt von der Baukultur der 1960er Jahre. Doch ist das Wirtshaus samt seiner Bäckerei schon vor etwa 200 Jahren errichtet worden. In den 1920er Jahren wurde es aufgestockt, um Fremdenzimmer für die Sommerfrischler anbieten zu können. Der gesamte Bau ist vermutlich von anonymer Architektur, da sich kein Baumeister oder Architekt ausmachen lässt. Referenzen auf diesen Bau waren nicht zu finden, was mir aber nicht wesentlich erscheint, da das Anwesen von schöner Patina gezeichnet eine Unprätentiösität ausstrahlt, die mich beeindruckt: Der Eingang in die Wirtsstube ist von einer simplen Überdachung samt Lampe mit Lüftung. Man könnte meinen, man hätte über der Tür einst eine kleine Terrasse ins Auge gefasst, es dann aber doch bleiben lassen. Der heutige Besitzer, ein freischaffender Künstler, hat vor einigen Jahren diesen Leerstand erworben und darin nicht nur seinen Wohnbereich samt Galerieräumen in den ehemaligen Fremdenzimmern, sein Badezimmer in der ursprünglichen Backstube, sondern auch sein Fotoatelier in der einstigen Wirtsstube sowie die Werkstatt im früheren Tanzsaal eingerichtet. In diesem Gebäudekomplex gab es auch eine Kegelbahn, die das Wirthaus- und Tanzgebäude mit den dahinter liegenden Ställen, in denen Nutztiere untergebracht waren, verband.
Fotografierend habe ich die verschiedenen Ansichten der ehemaligen Gaststätte samt Nebengebäude von der öffentlichen Straße aus im sommerlichen Abendlicht portraitiert und bin sehr angetan davon, wie die Natur da und dort aus dem aufbrechenden Asphalt sprießen darf, ohne dass sich jemand disziplinierend ihrer bemächtigt. Der Putz ist angegraut schön. Immer noch solide Holzfenster mit Einscheibenverglasungen erzählen von einfacheren Bedingungen seinerzeit und Hintaus-Grünflächen dürfen ungezähmt wachsen. Dieser Ort im Ort ist idyllisch, erzählt Geschichte und gibt gleichzeitig neuen Nutzungen Raum.
Wir sollten nehmen und bewahren, was da ist, anstatt abzureißen und doch nichts Besseres in die Welt zu setzen!
+5 (auf einer Skala von -5 bis +5)
Ich würde gerne alte Fotos sehen, die das Gebäude in seiner ursprünglichen Nutzung zeigen.
ORTE
18. Juni 2021, 23:56
22. Juni 2021, 15:56

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